Wie du beim Essen entspannter wirst

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Wie du beim Essen entspannter wirst

Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, warum ein neugeborenes Kind noch nicht sprechen kann? Oder überlegst du hin und wieder warum dreijährige noch keine Multiplikation können? Und hast du deshalb Sorge, dass diese Kinder das nicht lernen werden? Wohl kaum, oder?

Stattdessen gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass die Kinder das zur gegebenen Zeit schon lernen werden. Und vertrauen darauf. Und es gibt viele andere Beispiele dafür: Inliner fahren, schwimmen, malen, schreiben, singen oder ein Instrument erlernen, Fussball spielen, voltigieren, klettern, Theater spielen, Fremdsprachen, Auto fahren… die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Bei den einen Themen gehen wir davon aus, dass das Kind es zur gegebenen Zeit schon lernen wird. Oder wir lassen dem Kind sogar die Wahl, was es lernen möchte – je nachdem wo seine Interessen liegen. Denn es ist uns völlig klar, dass nicht jeder alles kann – wir selber ja auch nicht

Was Hänschen nicht lernt – kann Hans immer noch lernen

Bei anderen Themen reagieren wir völlig anders.

Wir setzen die Kinder und uns selbst unter Druck, weil wir denken, das Kind müsste doch xy schon können. So erhielt ich beispielsweise eine Woche nach der Geburt unseres ältesten Sohns damals einen Anruf mit der Frage, ob er bereits durchschläft. Genauso abstrus finde ich den Gedanken, dass kleine Kinder bereits mit Besteck essen müssen.

Und oft haben wir Erwachsenen auch unbewusste Erwartungen wann Kinder bereits mit Besteck essen können/müssen/sollen. Wieso gehen wir davon aus, dass Kinder, die mit den Fingern essen, keine Essmanieren erlernen werden?

Zwischen dem Kindergarten- oder Krippenalter und der Volljährigkeit liegen doch noch viele, viele Jahre. Meinst du nicht Kinder lernen das „anständige“ Essen ganz von alleine?

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich „Essmanieren“ ganz von alleine entwickeln, wenn du mit gutem Beispiel vorangehst. Denn die Kinder imitieren uns immer.

Die Botschaft der Neurobiologie lautet hier: “Was Hänschen nicht lernt, kann Hans sehr wohl noch lernen”. Dafür lernt unser Gehirn viel zu gern. Und sobald die Kinder die körperlichen Kompetenzen entwickelt haben „ordentlich“ zu essen, werden sie das auch tun, wenn sie es sich bei jemandem abschauen können.

Allerdings erfordert das Essen mit Messer und Gabel oder auch mit Gabel und Löffel ganz schön viel Geschick. Und auch das Kauen mit geschlossenem Mund darf erlernt werden, ebenso das Sprechen mit leerem Mund.

Beobachte dich dabei doch mal selbst: Hältst du das immer ein? Oder gibt es Momente, in denen es dir so wichtig ist, etwas zu sagen, dass du auch mit vollem Mund sprichst?

Kinder, die mit den Händen essen dürfen, machen dabei taktile Erfahrungen. Das bedeutet, dass der Tastsinn geschult wird und so das Fundament für eine gute sensorische Integration gelegt wird.

Gerade heutzutage, wo so viele Kinder so wenig Möglichkeiten für taktile Erfahrungen haben, ist dieses „Begreifen“ der Nahrungsmittel ein wichtiger Bestandteil der Sinnesentwicklung und somit des Lernens.

Auch am Esstisch trainieren die Kinder ihre wesentlichen Lernstrategien indem sie wiederholen, nachahmen und variieren. Mit dem Finger durch die Tomatensoße fahren ist folglich nur eine Variation von mit dem Stift oder Pinsel malen.

Sollen Kinder wie Schweine essen?

Nein natürlich nicht. Dein Kind bekommt Besteck angeboten und darf das benutzen. Wenn dein Kind die Hände benutzt oder auch mal mit dem Essen „spielt“, kannst du einfach darauf vertrauen, dass dein Kind umso schneller ordentlich zu essen beginnt, je weniger du dieses Verhalten kommentierst. Denn dann wird dein Kind mit der Zeit ganz von alleine beginnen, sich an dir und auch an den älteren Geschwistern zu orientieren. Genauso, wie beim Laufen oder Sprechen lernen.

Warten bis alle fertig sind

Still am Tisch sitzen zu bleiben ist für Kinder einfach eine extreme Herausforderung. Eigentlich sollten wir froh sein über ihren Bewegungsdrang.

Denn der menschliche Körper ist für 19 Kilometer Bewegung am Tag gemacht. Da sind wir mit unserem vielen „Rumgesitze“ echt schlechte Vorbilder!

Wenn die Kinder nachdem sie satt sind, wieder aufstehen wollen, um sich zu bewegen, machen sie alles richtig. Denn der Körper benötigt Bewegung für die Verdauungstätigkeit.

Kein Wunder, wenn Kinder sich schwer tun sitzen zu bleiben, bis alle fertig sind. Und auch zwischendurch immer mal hin- und her rutschen oder zappelig sind. Gerade für Krippenkinder ist es zum Beispiel viel einfacher im Stehen zu essen als im sitzen.

Mach kein Drama draus

Je weniger du die Essmanieren oder das Verhalten des Kindes in der Essensituation kommentierst – wie das Kind isst oder was es isst – desto entspannter verläuft das Essen bei euch zu Hause und umso schneller lernt das Kind ganz spielerisch und leicht, so zu essen, wie ihr es vorlebt.

Sobald du beginnst am Esstisch zu ermahnen oder zu schimpfen, entsteht Stress. Das tut erstens keinem gut und zweitens ist lernen unter Stress viel schwieriger, weil der Hypothalamus dagegen „schießt“.

Also in diesem Sinne wünsche ich dir entspannte Essenszeiten, ohne Ermahnung und Geschimpfe mit viel Freude und Humor und viel Vertrauen in dein Kind, dass es noch genug Zeit hat zu lernen. Nur zur Erinnerung: Wir sprechen von kleinen Kindern.

Kannst du dir vorstellen, dass dein Kind als Jugendlicher immer noch mit den Händen isst, wenn unsere Esskultur mit Besteck vorgelebt wird?

Auch wenn sie dir anders erscheinen – sie haben noch so viel viiiieeeeel Zeit um zu lernen, zu reifen und zu wachsen. Je entspannter du bist, je mehr Vertrauen du in dein Kind und seine Entwicklung hast, umso schneller isst dein Kind tatsächlich mit Besteck oder mit geschlossenem Mund.

Kinder lernen viel mehr durch das, was wir tun, denken und fühlen als durch das, was wir ihnen sagen. Schon Albert Einstein sagte: „Es gibt weder große Entdeckungen noch wahren Fortschritt, solange noch ein unglückliches Kind auf der Welt ist.“

Alles Liebe von Uli und Bernd