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Das hat mir auch nicht geschadet

Allgemein

Das hat mir auch nicht geschadet

Was auf den ersten Blick falsch aussieht, muss noch lange nicht falsch sein. Und andersherum.

Kennst du den Satz: „Das hat mir auch nicht geschadet!“? Ich höre ihn doch immer wieder.  Besonders im Zusammenhang mit Essen. Und das war der Grund dafür, dass ich mich jetzt mal im Blog an dieses häufig heikle Thema herantraue.

Essen ist einfach deshalb so heikel, weil es so essentiell ist – einerseits und weil andererseits jeder von uns mit seinen eigenen Werten und Normen konfrontiert und aufgewachsen ist. Es gibt nur wenige Themen, die im Zusammenhang mit bedürfnisorientierter Pädagogik so heiß diskutiert werden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Essen gibt es aus meiner Sicht verschiedene Aspekte, die zu betrachten sind: Erstens Essmanieren und zweitens Essen an sich und drittens ressourcenschonendes Verhalten. Wir starten hier zuerst mal mit dem Essen an sich.

Essen in der Familie

Als erstes möchte ich daran erinnern, dass wir in Deutschland glücklicherweise keinen Hunger leiden. Unser Problem liegt definitiv nicht in der Unterernährung. Auch wenn unser Stammhirn immer noch befürchtet, dass wir verhungern könnten – dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil wir wissen alle, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder Jahr für Jahr steigt (In Deutschland sind aktuell ca. 15% aller Kinder übergewichtig – 1975 waren es 3%).

Natürlich ist es richtig, dass Kinder genug Bewegung und gesunde Ernährung benötigen. Was sie allerdings auch brauchen ist ein gesundes Körperempfinden. Also ein Gefühl dafür, was ihr Körper in welcher Menge zu welcher Zeit benötigt. Denn wir wissen alle, dass man auch dick werden kann, wenn man zu viel Vollkorn-Bio-Produkte konsumiert.

Um ein gesundes Körperempfinden entwickeln oder behalten zu können, ist es zunächst wichtig, dass das Kind selbst entscheiden kann, was es wann isst. Und gleichzeitig, soll das nicht heißen, dass du in deiner Familie nicht den Rahmen vorgeben darfst, wie das geschehen kann. Es ist sogar so, dass ihr als Eltern voller Klarheit und Liebe den Rahmen vorgebt, innerhalb dessen euer Kind sich entscheiden darf.

Dürfen Kinder keinen Hunger haben?

Ja selbstverständlich! Genauso wie wir nicht gezwungen oder überredet werden wollen, etwas zu essen, ist es auch ein Kinderrecht sich selbst für oder gegen Essen entscheiden zu können. Stell dir dazu gerne mal vor, wie unangenehm es bei manchen Verwandten ist, wenn man immer wieder gefragt wird, ob man nicht doch noch ein Stückchen Torte essen möchte. Obwohl man schon längst satt ist. Natürlich kann ich das Kind erinnern oder auch mal nachfragen. Nur wenn das Kind klar entschieden hat, keinen Hunger zu haben, dann darf es weiter spielen. Dann muss es weder überredet werden, noch muss es mit am Tisch sitzen. Darf es natürlich, muss es aber nicht.

Was passiert, wenn das Kind nicht frühstückt und dann später Hunger bekommt?

Heißt das dann Pech gehabt und warten? Nein, das wäre doch grausam. Dann soll das Kind halt in ein Brot beißen oder es bekommt etwas Rohkost oder wie auch immer. Denn hungern lassen geht gar nicht. Gleichzeitig kann ich das Kind darauf hinweisen, dass es morgen doch beim Frühstück schon mal achtsam sein kann, ob es nicht vielleicht mit uns anderen essen möchte.

Und in den meisten Familien sind die Abstände zwischen den verschiedenen Mahlzeiten doch überschaubar. So dass ein Kind, das eine Mahlzeit auslässt, bei Zeiten wieder die Möglichkeit hat etwas zu verzehren. Essen auf Vorrat funktioniert eben nicht, weil dann das eigene Hungergefühl übergangen wird.

Du bist nicht dazu da, ein Kind zum Essen zu überreden oder gar zu zwingen. Dabei handelt es nämlich auch mindestens um ein grenzüberschreitendes Verhalten wenn nicht sogar um einen Übergriff.

Fazit Nummer 1: Das Kind entscheidet wann es essen möchte

Dürfen Kinder entscheiden, was sie essen?

Ja natürlich! Denn nur das Kind selbst kann wissen, was es jetzt gerade braucht. Auch hier gibst du den Rahmen vor, innerhalb dessen sich das Kind entscheiden kann. Wenn es zum Beispiel drei Komponenten zur Hauptspeise gibt, kann, darf und muss das Kind wählen, was davon es gerne essen möchte. Gesunde Ernährung darf niemals wichtiger sein als das Wohlergehen aller, die am Tisch sitzen. Das bedeutet, dass das Kind entscheidet, was auf seinem Teller landet und was es davon verzehren möchte.

Aber: Gesunde Ernährung ist wichtig

Die allermeisten Kinder essen sehr gerne rohes Gemüse. Oder Mahlzeiten, in denen die Bausteine nicht miteinander vermischt sind. Eventuell wählen die Kinder anders, wenn die Zusammensetzung des Essens kindorientierter ist. Probier doch einfach mal aus, wieviel Gemüse gegessen wird, wenn du immer einen Teller mit Rohkost anbietest. Vielleicht schon vor dem Essen, während ihr das Essen zubereitet.

Laut Jesper Juul gehen Phasen extremer Nahrungsspezialisierung um so schneller vorbei, je weniger Beachtung sie finden. Dann soll das Kind halt nur trockene Nudeln essen. Du kannst auch hier mal hinschauen, welche unterbewussten Vorannahmen du bei deinem Kind zum Thema Essen hast. Hast du Gedanken wie: ah das wird sie eh nicht essen. Sagst du Dinge wie: er ist schon immer ein schlechter Esser usw. Mit diesen Gedanken und Sätzen zementierst du, dass sich erstmal wenig ändert. Die wichtigste Frage, die du dir hier stellen darfst ist: Wie will ich es haben? Und dann beginne drüber nachzudenken und in deinem Kopf Bilder und Gefühle zu entwickeln, wie es aussieht und sich anfühlt, wie dein Kind zufrieden mit euch am Tisch sitzt, wie es das Essen lecker findet und sich satt ist usw.

Wie ist das mit dem Probierklecks?

Grundsätzlich gilt: Das Kind entscheidet, was auf seinem Teller landet. Das bedeutet, dass du gerne dem Kind eine Speise anbieten und es fragen kannst, ob es das probieren möchte. Wenn das Kind verneint, lass es in Ruhe. Alleine schon ein „ekliger“ Probierklecks kann dem Kind das ganze Essen verderben. Oder wie würdest du dich fühlen, wenn ich dir ungefragt eine gebratene Meerschweinchenpfote auf den Teller legen würde? Oder eine frittierte Heuschrecke?

Fazit Nummer 2: Das Kind entscheidet was es isst

An dieser Stelle höre ich häufig, dass uns das auch nicht geschadet hätte. Doch woher wollen wir das wissen? Es hat uns nicht umgebracht, das ist klar. Nur woher nehmen wir die Gewissheit, dass es uns nicht geschadet hat. Ich erlebe Kinder als unglaublich anpassungsfähig. Kinder hinterfragen nicht, sie nehmen hin. Und die Anzahl der psychisch erkrankten Erwachsenen steigt stetig. Viele Erwachsene machen eigene Kindheitserlebnisse für heutige Probleme verantwortlich.

Wenn wir die Generation unserer Eltern oder Großeltern, die Nachkriegsgeneration in den Blick nehmen, dann fällt doch häufig auf, dass diese Menschen sich häufig eher schwer tun, beispielsweise ihre Gefühle zu zeigen. Gerade die Männer. Und die Vorgabe jener Jahre war: Jungs weinen nicht. Da springt einem doch ein Zusammenhang zwischen Erzieherverhalten und heutigem Erleben ins Auge, oder?

Genauso können wir nicht wissen, was uns geschadet oder eben nicht geschadet hat. Deshalb möchte ich dir gerne eine Zauberfrage schenken, die ich unglaublich hilfreich finde in diesem Zusammenhang. Die FRage lautet: “Würde ich das mögen?” Ich finde es viel sinnvoller zu überlegen, ob ich das mögen würde, was ich von Kindern erwarte. Und wenn ich bemerke, dass ich keine Schnecke essen wollen würde, dann lasse ich den Kindern eben auch den Freiraum zu entscheiden, ob sie Brokkoli mögen. Und du wirst zweifelsfrei Erwachsene finden, die Brokkoli genauso eklig finden wie Schnecken.

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Freude beim drüber nachdenken, dich angeregt oder bestätigt fühlen und viel Spaß beim entspannter sein. Mit dir und mit den Kindern!

Entspanne dich. Lass das Steuer los.

Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.(Kurt Tucholsky)

Alles LIebe für dich von Uli und Bernd